Selbstheilung ist das Ende der Identifikation mit dem falschen Selbst

Bedürfnis Heilung. Farbe Dunkelblau.

Heilung ist nichts anderes als Selbstheilung.

Und Selbstheilung ist das Ende der Identifikation mit dem falschen Selbst.

Die meisten Menschen glauben, Selbstheilung bedeute, ein beschädigtes Selbst zu reparieren.

Sie versuchen mutiger zu werden.

Selbstbewusster.

Liebevoller.

Gelassener.

Sie arbeiten an Glaubenssätzen, Verhaltensmustern und Emotionen.

Und dennoch bleibt oft ein Gefühl zurück:

Ich bin noch nicht angekommen.

Mit mir stimmt noch etwas nicht.

Ich muss noch mehr heilen.

Genau hier beginnt die Täuschung.

Denn das, was ständig geheilt werden möchte, ist nicht das wahre Selbst.

Es ist die Identifikation mit dem falschen Selbst.

Selbstheilung bedeutet deshalb nicht, ein unvollständiges Selbst zu vervollständigen.

Selbstheilung bedeutet, die Identifikation mit dem falschen Selbst zu erkennen und allmählich aufzulösen.

Um das zu verstehen, müssen wir zunächst betrachten, wie unser Erleben überhaupt entsteht.

Das Netzwerk unseres Erlebens:

Die meisten Menschen erleben sich als eine einzelne, klar abgegrenzte Person.

Als ihre Persönlichkeit.

Ihre Erinnerungen.

Ihre Geschichte.

Doch unser Erleben entsteht aus weit mehr.

Jeder Mensch, dem wir begegnen, jede Beziehung, jede Erfahrung und jede Kultur hinterlässt Spuren in uns.

Nichts existiert isoliert.

In der buddhistischen und hinduistischen Tradition gibt es das Bild von Indras Netz.

Es beschreibt ein unendliches Netz aus Juwelen, in dem jedes einzelne Juwel alle anderen widerspiegelt.

Berührt man eines, bewegt sich das gesamte Netz.

Dieses Bild verdeutlicht eine tiefe Wahrheit:

Alles ist miteinander verbunden.

Auch unser inneres Erleben.

Unsere Erfahrungen stehen nicht unabhängig nebeneinander.

Sie verbinden sich zu einem lebendigen Netzwerk aus Erinnerungen, Bedeutungen, Bedürfnissen und Überzeugungen.

Jede Erfahrung hinterlässt Spuren.

Jede Begegnung verändert die Art, wie wir uns selbst, andere Menschen und das Leben wahrnehmen.

Auch unsere Familie, unsere Kultur, die Gesellschaft und die Menschheit wirken in diesem Netzwerk mit.

So entsteht das Feld unseres Erlebens.

Ein dynamisches Netzwerk aus allem, womit wir jemals in Berührung gekommen sind.

Wie das falsche Selbst entsteht:

Das falsche Selbst entsteht nicht durch Erfahrungen.

Es entsteht vor allem durch die Identifikation mit Erfahrungen von Mangel und Trennung.

Als Kinder erleben wir Situationen, die wir als Trennung erfahren.

Vielleicht fühlen wir uns nicht gesehen.

Nicht verstanden.

Nicht willkommen.

Nicht verbunden.

Die Erfahrung kann intensiv und schmerzhaft sein.

Doch sie bedeutet nicht, dass das zugrunde liegende Bedürfnis verschwunden wäre.

Im Gegenteil.

Gerade weil Liebe, Verbundenheit, Sicherheit oder Zugehörigkeit bereits als lebendige Qualitäten in uns wirken, kann ihre scheinbare Abwesenheit so schmerzhaft erlebt werden.

Das Bedürfnis selbst ist kein Mangel.

Ein Bedürfnis nach Liebe ist Ausdruck von Liebe.

Ein Bedürfnis nach Verbundenheit ist Ausdruck von Verbundenheit.

Ein Bedürfnis nach Frieden ist Ausdruck von Frieden.

Jedes Bedürfnis trägt die Qualität dessen bereits in sich, wonach es sich ausrichtet.

Der Schmerz entsteht deshalb nicht durch das Bedürfnis.

Er entsteht durch die Erfahrung von Trennung in Bezug auf dieses Bedürfnis.

Eine einzelne Erfahrung von Trennung wird mit einem Bedürfnis verknüpft, das an sich Ausdruck von Fülle ist.

Die Erfahrung der Trennung macht dabei nur einen winzigen Ausschnitt unseres gesamten Erlebens aus.

Doch besonders in der Kindheit kann dieser Ausschnitt eine enorme emotionale Intensität besitzen.

Der Schmerz bindet die Aufmerksamkeit.

Plötzlich scheint nur noch das Fehlende real zu sein.

Die Erfahrung von Mangel tritt in den Vordergrund und verdeckt die viel größere Wirklichkeit, in die sie eingebettet ist.

Die Fülle verschwindet nicht.

Die Verbundenheit verschwindet nicht.

Das Bedürfnis verschwindet nicht.

Sie werden lediglich vom Schmerz überlagert.

So entsteht im Unbewussten die Identifikation mit einer Mangelerfahrung.

Ein kleiner Ausschnitt des Erlebens wird für die ganze Wahrheit gehalten.

Der Mangel verdeckt die Fülle.

Die Trennung verdeckt die Verbundenheit.

Der Verstand versucht zu verstehen, was geschehen ist, und erschafft Erklärungen:

Ich bin nicht wichtig.

Ich bin allein.

Ich bin nicht liebenswert.

Mit mir stimmt etwas nicht.

Aus einer Erfahrung wird eine Geschichte.

Aus einer Geschichte wird eine Überzeugung.

Aus einer Überzeugung wird Identität.

Mit der Zeit beginnen wir, uns über diese Mangelerfahrungen zu definieren.

Wir halten die Geschichten über uns für wahr.

Wir halten die Wunden für unser Wesen.

Wir halten den Mangel für unsere Identität.

So entsteht das falsche Selbst.

Es ist keine eigenständige Wirklichkeit.

Es ist die Identifikation mit den Mangelerfahrungen innerhalb unseres Erlebens.

Warum das falsche Selbst Heilung sucht

Das falsche Selbst lebt von der Vorstellung, dass etwas fehlt.

Deshalb sucht es ständig nach Heilung.

Nach der nächsten Methode.

Dem nächsten Buch.

Der nächsten Erkenntnis.

Es sagt:

Wenn ich nur noch etwas mehr heile, werde ich endlich ganz sein.

Doch genau dadurch erhält es sich selbst.

Denn seine Existenz beruht auf dem Glauben an den Mangel.

Würde dieser Mangel vollständig durchschaut werden, würde auch die Identifikation mit ihm zerfallen.

Deshalb beschäftigt sich das falsche Selbst oft unaufhörlich mit seinen Wunden.

Es analysiert sie.

Es erklärt sie.

Es baut neue Identitäten um sie herum.

Die Wunde wird zur Geschichte.

Die Geschichte wird zum Selbstbild.

Das Selbstbild bestätigt den Mangel.

Und der Mangel bestätigt das Selbstbild.

Ein Kreislauf entsteht.

So versucht man letztlich, etwas zu heilen, das nur durch die Identifikation mit Mangel entstanden ist.

Die Wunde als Tor:

Paradoxerweise ist die Wunde nicht das eigentliche Problem.

Das Problem ist die Identifikation mit dem Mangel, den die Wunde aktiviert.

Jede Wunde enthält die Erinnerung an eine Erfahrung von Trennung.

Vielleicht von Liebe.

Von Sicherheit.

Von Zugehörigkeit.

Von Anerkennung.

Die ursprüngliche Situation liegt oft lange zurück.

Doch die Spur dieser Erfahrung bleibt bestehen.

Wird sie später erneut berührt, aktiviert sich der gespeicherte Mangelzustand.

Wir fühlen uns plötzlich wieder zurückgewiesen.

Nicht gesehen.

Nicht wertvoll.

Nicht sicher.

Das falsche Selbst deutet diese Aktivierung als Beweis dafür, dass tatsächlich etwas fehlt.

Es sagt:

Siehst du, ich bin immer noch nicht genug.

Ich bin immer noch allein.

Mit mir stimmt immer noch etwas nicht.

Doch die Wunde zeigt nicht, wer wir sind.

Sie zeigt die Stelle, an der sich im Unbewussten eine Mangelerfahrung verdichtet und mit unserer Identität verknüpft hat.

Deshalb ist die Wunde ein Tor.

Denn überall dort, wo Mangel sichtbar wird, kann auch die Identifikation sichtbar werden.

Die Wunde offenbart nicht nur den Schmerz.

Sie offenbart die Stelle, an der wir den Schmerz mit unserem Selbst verwechselt haben.

Wird diese Identifikation erkannt, beginnt sich der Mangelprozess zu lösen.

Die Wunde verliert ihre Funktion als Identität.

Die Verdichtung beginnt sich aufzulösen.

Und die ursprünglich gebundene Bedürfnis-Energie wird wieder Teil ihrer natürlichen Ganzheit.

Eckhart Tolles Erwachen:

Ein bekannter Vertreter dieser Selbst-Sichtweise ist der spirituelle Lehrer und Autor Eckhart Tolle.

Tolle litt über viele Jahre unter starken Ängsten, Depressionen und einem tiefen Gefühl innerer Leere.

Im Alter von 29 Jahren erlebte er einen tiefgreifenden Bewusstseinswandel, der sein Leben grundlegend veränderte.

Er beschreibt diesen Moment in seinem Buch Jetzt! Die Kraft der Gegenwart.

In einer Nacht intensiven Leidens erkannte er plötzlich, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Bewusstsein, das wahrnimmt, und dem leidenden Selbstbild, mit dem er sich sein ganzes Leben identifiziert hatte.

Er schreibt:

„Ich verstand, dass der intensive Leidensdruck mein Bewusstsein in jener Nacht wohl dazu gezwungen hatte, sich aus der Identifikation mit dem unglücklichen und zutiefst ängstlichen Selbst zu lösen, welches ja letztlich eine Einbildung des Verstandes ist. ... Was zurückblieb, war meine wahre Natur – das stets gegenwärtige Ich bin – reines Bewusstsein, bevor es sich mit Form identifiziert.“

Für Tolle bestand Heilung nicht darin, sein altes Selbst zu verbessern.

Heilung bestand darin, die Identifikation mit diesem Selbst aufzugeben.

Für die meisten Menschen geschieht dieser Prozess jedoch nicht in einer einzigen Nacht.

Meist entfaltet er sich schrittweise.

Eine Identifikation nach der anderen wird sichtbar.

Eine Mangelerfahrung nach der anderen verliert ihre Macht.

Eine Schicht nach der anderen fällt weg.

Heilung ist deshalb weniger ein Ereignis als ein Erinnerungsprozess.

Das wahre Selbst:

Was bleibt, wenn die Identifikation mit dem Mangel nachlässt?

Diese Frage führt zum Kern dessen, was viele spirituelle Traditionen als das wahre Selbst bezeichnen.

Das wahre Selbst ist nicht die Persönlichkeit.

Nicht die Geschichte.

Nicht die Rolle.

Nicht die Wunde.

Es ist auch nicht das Netzwerk der Erfahrungen.

Vielmehr ist es das Bewusstsein, in dem all diese Erfahrungen erscheinen.

Es ist die Ebene unseres Seins, die nie verletzt wurde, weil sie nie von den Erfahrungen selbst begrenzt war.

Wenn die Identifikation mit den Mangelerfahrungen nachlässt, tritt etwas hervor, das die ganze Zeit bereits da war.

Die Fülle, die zuvor vom Mangel verdeckt wurde.

Die Verbundenheit, die zuvor von der Trennung überlagert wurde.

Die Lebendigkeit, die nie verloren gegangen war.

Liebe.

Frieden.

Vertrauen.

Verbundenheit.

Freiheit.

Lebendigkeit.

Mitgefühl.

Diese Qualitäten müssen nicht erschaffen werden.

Sie werden sichtbar, wenn die Identifikation mit dem Mangel verschwindet.

So wie die Sonne nicht erschaffen werden muss, wenn die Wolken verschwinden.

Sie war die ganze Zeit da.

Was Selbstheilung wirklich bedeutet:

Selbstheilung bedeutet nicht, jemand anderes zu werden.

Sie bedeutet nicht, ein beschädigtes Selbst zu reparieren.

Selbstheilung bedeutet, die Identifikation mit dem falschen Selbst aufzulösen.

Sie bedeutet, die Geschichten des Mangels als Geschichten zu erkennen.

Sie bedeutet, die gespeicherten Mangelerfahrungen zu verarbeiten und die darin gebundene Bedürfnis-Energie wieder in die Ganzheit unseres Erlebens zu integrieren.

Sie bedeutet, das zu durchschauen, was die Fülle verdeckt.

Denn Heilung erschafft keine Fülle.

Sie macht die Fülle wieder zugänglich, die immer schon da war.

Das Bedürfnis nach Heilung ist daher letztlich die Sehnsucht nach dieser Rückkehr.

Die Sehnsucht nach Ganzheit.

Nach Verbundenheit.

Nach dem Ende der Trennung.

Nicht weil wir etwas Neues werden müssen.

Sondern weil wir uns an das erinnern, was wir immer schon waren.

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Das Leben kennt unendlich viele Bedürfnis-JAs.